Als wir ins Restaurant kommen, ist es restlos überfüllt. Radschan geht mit mir in die Küche und stellt mir zwei Küchenchefs sowie vier Beiköche und zwei Spüler vor. Er klopft mir auf die Schulter, sagt zu mir, viel Spaß und schon ist er wieder weg.
Da stand ich nun wie ein begossener Pudel, wusste nicht, wie und was ich machen sollte. Die Küche war
schätzungsweise fünf auf fünf Meter groß. An zwei Wandseiten waren zehn Gasflammen angebracht, auf denen
Woks standen, neben den Woks waren Abstellflächen für eine große Auswahl verschiedenster Gewürze.
Ich zählte mindestens zehn verschiedene Chillis und Currys, von mild bis höllisch scharf. In der Mitte stand
ein Tisch, so groß wie eine Tischtennisplatte. Darauf standen zirka 50 Schüsseln mit frischem Gemüse, alles
zerkleinert in Würfel oder Streifen. Sobald eine Bestellung herein kommt, geht hier die Post ab. Die
Beiköche füllen die Woks mit den verschiedensten Gemüsen, dabei ist zu beachten, dass jedes Gericht eine
andere Zusammensetzung hat. Nun kommen die Küchenchefs zum Einsatz, sie sind für das Anbraten und das
Würzen verantwortlich. Das Gemüse wird zusammen mit den Gewürzen scharf angebraten, bis es einem in den
Augen beißt. Kurz bevor das ganze braun wird, löscht der Küchenmmeister das Angebratene mit Wasser oder
Cocosmilch ab. Danach läßt er das gebratene Gemüse zusammen mit dem Sud einreduzieren, bis es die richtige
Verbindung hat.
Mit sehr viel Gefühl setzt er die extraktreichen und scharfen Gewürze ein, um dem Essen das
gewünschte Aroma zu geben. Kurz bevor das Essen die Küche auf einer angerichteten Platte verlässt, werden
dem Gericht zur Perfektion noch einmal frische Kräuter zu gesetzt.
Alle gebratenen Gerichte, wie Fisch, Fleisch oder die verschiedenen Brote werden auf einem speziellen Grill zu bereitet, den man hier in Indien Tandoor nennt. Er steht meistens im Restaurant und wird von zwei Köchen bewirtschaftet. Der eine ist nur für die Brote - sie heißen in Indien Roti oder Naan - zuständig, sie werden mit Butter, Knoblauch, Minze oder Käse angeboten. Der andere ist für den Fisch und das Fleisch zuständig, das er meistens auf einem Spieß grillt. Alles muß perfekt Hand in Hand laufen, damit jeder Tisch sein Essen gleichzeitig serviert bekommt und das bei ungefähr 80 verschiedenen Gerichten. Nach einer lehrreichen halben Stunde stehe ich klatschnass geschwitzt da, ich sehe ein, das ich hier fehl am Platz bin, selbst in der Spülküche, wo es chaotisch drunter und drüber geht, bin ich deplaziert. Radschan beschäftigt in seinem Restaurant 18 Personen, die für höchstens 60 Gäste zuständig sind und das bei einem Preisniveau von 1,- bis 3,- Euro pro Gericht. Kopf schüttelnd setzte ich mich zu Elke an den Tisch, um ihr von dem Erlebten zu erzählen.
Ohne unser Wissen serviert uns Radschan vorweg eine butterzarte Hühnerleber, in einer Soße aus Tomaten,
Kumin, Ingwer, Knoblauch und Zwiebeln, die sich mit der Zunge ganz locker am Gaumen zerdrücken lässt. Als
nächstes bekommen wir ein Duo von schwarzen und roten Linsen in einer scharfen Currysoße und eine
Komposition von Kartoffeln, Blumenkohl in einer Joghurtsoße mit frischem Kardamon serviert, dazu frisches
Knoblauchnaan.
Die Weine, die ich mir im Geiste alle dazu vorstelle, wie ein halbtrockener Riesling zum
Curry, oder ein schlanker Weißburgunder zum Blumenkohl oder ein trockener Spätburgunder zur Hühnerleber
wären alle samt ein Hochgenuss gewesen. Dafür trinken wir ein Bier, das mit Glyzerin haltbar gemacht wurde
und nach der dritten Flasche Kopfschmerzen verursacht. Um dem Ganzen wiederum entgegen zu wirken, trinke
ich anschließend einen Old Mank Rum mit einem Schuss Coca Cola. Wir verabschieden uns von Radschan und
seinem Team, die allesamt noch einmal an unseren Tisch kommen, um uns ein gute Reise durch Indien zu
wünschen.
Noch in der Nacht packt Elke unsere gesamten Packs zusammen, die ich gut an den Rädern befestige. Als es so gegen 7 Uhr hell wird, zeigt das Thermometer schon 28 Grad. Während ich dusche, kocht Elke mit unserem neuen Tauchsieder einen heißen Kaffee. Danach gehts endlich los, schon beim ersten Kreisel hätte mich ein abbiegendes Auto um ein Haar vom Fahrrad geholt. Wir radeln voll konzentriert auf der linken Straßenseite, Elke mir immer um fünf bis zehn Meter voraus. Nach fünf Kilometern erreichen wir den Highway Nummer 17, der nach Norden in Richtung Bombay führt. Auf dieser Straße muß jeder sich in irgendeiner Form behaupten, dabei ist die Hupe eines der wichtigsten Instrumente. Da kommen wir natürlich mit unserer Quietschente nicht weit, deshalb müssen wir den Bussen, Lkw und den vielen Motorrädern anderweitig die Stirn bieten. Je weiter wir am Straßenrand fahren, desto gefährlicher wird es für uns, jeder versucht, egal wie eng es ist, an uns vorbei zu fahren und das mit hohem Tempo. Dadurch werden wir des öfteren in den Graben gedrängt und es wäre fast zu einem Sturz gekommen.
Ich sage zu Elke, 'so geht das nicht weiter, wir müssen uns ein anderes System einfallen lassen'. Ab sofort
fahren wir versetzt und bilden für alle, die von hinten kommen, ein massives Hindernis. Elke fährt nicht
mehr ganz an der Straßenkante und ich fahre ab sofort anderthalb Meter auf der Straßenmitte, jetzt sieht
das Ganze erst richtig gefährlich aus. Die ersten Busse kommen mit einem Dauerhupkonzert von hinten auf uns
zu gerast. Im Rückspiegel kann ich genau ihre Reaktion beobachten, wie sie mit aller Macht versuchen, uns
von der Straße zu verdrängen. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, ich spüre, wie mir der Angstschweiß
auf der Stirn steht. Er muss abbremsen, wenn er mich nicht über den Haufen fahren will, nd als ich spüre,
dass er langsamer wird, fahre ich zur Straßenseite, so dass er mit genügend Abstand überholen kann. Die
nächsten 20 Kilometer sind die Hölle, ich beobachte nur den Verkehr, der von hinten auf uns zu kommt, mit
dem Gedanken, geht er jetzt endlich in die Bremsen.
Mit der Zeit lässt die Angst nach und wir behaupten uns immer besser, je mehr einer hupt, desto weiter fahre ich in der Mitte, bis sie alle kapiert haben, dass Elke und ich auch da sind. Nach 45 Kilometern fahren wir lebend in die Altstadt von Panajim, hier wollen wir den Flair des Portugiesenviertels genießen. Es ist gar nicht so einfach, ein sauberes und günstiges Zimmer zu finden. Die billigen sind alle samt Drecklöcher, bei denen man sich ekelt, auf die Toilette zu gehen. Letztendlich finden wir in dieser 100.000-Einwohner-Stadt, die für indische Verhältnisse ein Kleinstadt ist, ein Zimmer, mit dem wir für kurze Zeit leben können. Panajim durchstreift man am besten zu Fuß. Die Stadt ist perfekt zum Spazierengehen, besonders schön ist das in den Stadtvierteln Sao Tomé, Fontainhas und Altino, die voller Atmosphäre sind. Es macht einfach Spaß, durch die engen Gassen mit den vielen Kirchen zu flanieren, überall sind blau-weiße Kacheln, bunte Fensterläden und winzige Balkone. Am großen Fluß Mandovi wurde anlässlich des 35. Internationalen Film Festivals India 2004 eine Uferpromenade angelegt.
Am Abend durchstreifen wir einige schummrige Bars, in denen sich hartgesottene Feni-Trinker vergnügen. Die Jungs saufen destillierten Kokos-Cashewsnußschnaps, der aggressiv und blind macht, das Zeug eignet sich höchstens als Motorradsprit.
Am nächsten Morgen laufen wir zum großen Marktplatz. Hier wird unser Geruchsinn ganz schön strapaziert, die
Fisch- und Fleischabteilung sind ziemlich gewöhnungsbedürftig, dafür duftet es in der Gemüse- und
Gewürzhalle umso besser. Die meisten, die hier arbeiten, bleiben 24 Stunden hier, sie schlafen unter ihren
Ständen. Wir laufen durch eine Straße, in der nur Fahrräder repariert und alle erdenklichen Ersatzteile
verkauft werden. Die Räder werden mitten auf der Straße zerlegt, mit Benzin gereinigt und wieder
zusammengebaut. Es gibt eine Straße, in der nur Motorradartikel verkauft werden. In einer anderen gibt es
nur Autoteile oder Haushaltsartikel, ein System, das gar nicht mal so schlecht ist. Hat man einmal das
Viertel oder die Straße entdeckt, wird man sicherlich das Gesuchte finden.
Man muß nicht immer alles verstehen, wenn man so wie Elke und ich aus einer Welt kommt, in der fast jeder nur noch nach Gesetzen und Verordnungen lebt und sich auch daran hält. In Indien ist das ganz anders. An fast jedem Restaurant oder öffentlichem Gebäude steht ein großes Schild, striktes Rauchverbot, doch niemand hält sich daran. Auf den Tischen stehen überall überfüllte Aschenbecher und in Goa stehen sogar Wasserpfeifen auf dem ein oder anderen Tisch. Wobei wir schon beim Drogenverbot sind, da, wo die Verbotsschilder stehen, ist die Luft vom blauen Dunst von Haschisch und Marihuana geschwängert. Als ich das erste Schild 'Spucken verboten' sah, musste ich lachen, noch am gleichen Abend ist mir das Lachen vergangen. Während des Abendessens entledigte sich ein Inder seiner Mund- und Nasenflüssigkeit, ohne vom Tisch aufzustehen, eine sehr unappetitliche und ekelhafte Angelegenheit. Wir haben fast die Vermutung, dass Verbotsschilder das Gegenteil bewirken, so auch beim Abfall, je größer die Strafe für das Müllentsorgen, desto größer sind die Müllberge. Elke meint, das wird bestimmt alles noch ganz anders, schließlich sind wir ja am Anfang unserer Indien-Reise.


