Also radeln wir los, bis man uns 3 Kilometer vor der ersten Ablegestelle erklärt, dass wir total falsch wären und
zur zweiten Ablegestelle müssten. Diese liegt nur 15 Kilometer außerhalb. Es ist glühend heiß, Elke und ich sind am
fluchen und schwitzen. Endlich nach Bergen und Schotterpiste erreichen wir nach über einer Stunde die Fähre. Wir haben
Glück, sie steht zur Abfahrt bereit. Wir zerren unsere schwer beladenen Räder eine lange Treppe hinunter. Als wir sie
gerade auf die Fähre heben, erklärt man uns, dass diese Fähre nicht nach Mumbai geht. Ich spüre wie in mir der
Adrenalinspiegel steigt und ich muss aufpassen, dass ich keinen Wutanfall bekomme. Freundlich bekommen wir
erklärt, das die Fähre nach Mumbai zirka 15 Kilometer auf der anderen Seite ablegt und zwar genau da, wo wir gerade
herkommen. Wir schwingen uns auf die Räder und radeln zähneknirschend zur ersten Ablegestelle zurück. Nach 43 Kilometern
stehen wir völlig ausgebrannt vor der Fähre und haben unsere Tickets, von je 18 Rupien, in der Hand. Da die Fähre nicht
direkt am Pier anlegen kann, müssen Elke und ich unser gesamtes Gepäck samt Rädern über zwei Boote tragen. Endlich
haben wir es geschafft, alles ist auf der Fähre, als mich ein alter zahnloser Mitarbeiter anspricht und 100 Rupien für
unsere Fahrräder verlangt. Das ist absoluter Wucher! Ich schaue ihm in die Augen und überlege, wie ich diesen
Halsabschneider umbringen könnte. Die Fähre hat schon abgelegt mit Kurs auf Mumbai. doch der Zahnlose lässt nicht
locker. Ich greife in die Hosentasche und halte ihm 50 Rupien hin, woraufhin er sich tierisch empört. Ich stecke das Geld
wieder ein, drehe mich um und beachte ihn gar nicht mehr. Nach einer Viertel Stunde steht er wieder vor mir und nervt.
Ich greife in meine Hose und hole wieder die 50 Rupien heraus und sage zu ihm: 'Das ist deine letzte Chance!'.
Schnell greift er sich den Schein, womit er sichtlich sehr zufrieden war. Ich kann sehr gut verstehen, dass die Jungs,
bei so wenig Verdienst, sich etwas zusätzlich verdienen müssen, aber bitte mit Maßen. In Mumbai gibt es eines der höchsten
durchschnittlichen Tageseinkommen Indiens, und das liegt bei 134 Rupien pro Tag. Das sind ungefähr 2,43 EUR, das Dreifache
des landesweiten Durchschnitts.
Von weitem kann ich die Skyline von Mumbai erkennen. Über ihr hängt eine riesige Dunstglocke.
Wir schlängeln uns vorbei an Öltankern und Luxusschiffen direkt auf das 'Gateway of India', das Wahrzeichen
Mumbais, zu. Es ist schon ein gewaltiger Anblick. Tausende von Leuten gehen hier an der Strandpromenade spazieren, alle
warten sie auf den Sonnenuntergang. Direkt hinter dem 'Gateway of India' steht das teuerste Hotel 'Taj Mahal Palace', das mit
500 US-Dollar pro Nacht deutliche und klare Akzente setzt. Erst vor ein paar Monaten waren hier bei einem Bombenanschlag
viele Menschen ums Leben gekommen.
Da stehen wir nun und wissen nicht wohin. Wo um alles in der Welt schläft man in einer
der teuersten Städte der Welt? Da sprechen uns zwei etwas heruntergekommene Jungs an. Für ein paar Rupien wollen sie uns
helfen, eine günstige Unterkunft zu finden. Schließlich bekommen sie auch eine kleine Provision.
Die ersten
Unterkünfte sind zwischen 1500 und 3500 Rupien einfach viel zu teuer, außerdem haben sie keinen Platz für unsere
Fahrräder. Der Glaube an ein einfaches Bett fängt langsam an zu schwinden, als wir plötzlich vor dem 'Salvation Army Red Shield Hostel'
stehen, auf deutsch der Indischen Heilsarmee. Der Chef des Hauses, der hier für die Bettenverteilung
zuständig ist, erklärt mir, dass sie vollständig ausgebucht sind, was ich ihm irgendwie nicht so richtig abnehme.
Ich schließe die Tür seines Büros hinter mir, setze mich vor ihn hin und versuche ihm klar zumachen, dass wir mit dem Fahrrad
sein Land bereisen, nicht viel Geld besitzen und nur er uns helfen kann. Sofort spürte er seine Machtposition. Lächelnd
lehnt er sich zurück und sagt: 'Ok, ich habe da noch ein Dreibettzimmer für 600 Rupien mit Frühstück. Das könnt ihr
so lange haben bis eine Reservierung herein kommt, danach müsst ihr gehen.' Mir fällt ein Stein vom Herzen, am liebsten
würde ich den Kerl umarmen. Nun wohnen wir genau hinter dem stark bewachten 'Taj Mahal Palace', von wo aus wir den größten Teil
der Innenstadt zu Fuß erreichen können.
Am Abend stehen wir nun in einer Metropole, in der fast 17 Millionen Menschen
leben, eine Stadt der Superlative mit einer Bevölkerungsdichte von sage und schreibe 29.000 Einwohnern pro
Quadratkilometer.
Es gibt alleine 40.000 traditionelle, schwarze, zugelassene Oldtimer-Taxis und der Bahnhof
'Chhattapati Shiraji' hat eine Tagesbesucherfrequenz von unglaublichen 2,5 Millionen Menschen. So etwas war sogar für Elke
und mich ein neuer Rekord. Diese Stadt ist faszinierend und abschreckend zugleich. Ich möchte Mumbai einmal mit Manila
und Bangkok vergleichen: entweder man hasst diese Stadt oder man liebt sie. Am ersten Morgen werden wir durch lautes
Gerede und Zurufe geweckt. Was wir nicht wussten ist, dass Studenten bei der Heilsarmee morgens die großen
Gemeinschaftsduschen benutzen dürfen. Nach dem Frühstück mit einem hart gekochten Ei, was mir schwer im Magen liegt,
machen wir unseren ersten Rundgang durch die Stadt. Elke hat einen Stadtplan mit den besten Sehenswürdigkeiten und den
schönsten Plätzen Mumbais in der Hand. Wir laufen vorbei am 'Royal Mumbai Yacht Club' direkt auf den 'Regal Circle' zu, von wo
aus man einen tollen Blick auf die umliegenden Bauten hat. Darunter das alte 'Sailors Home' aus dem Jahre 1876, das jetzige
Hauptquartier der Polizei. Folgt man der 'Mahatma Gandhi Road', so kommt man an den wundervoll restaurierten Fassaden des
'Institue of Science' vorbei. Gegenüber beeindruckt das 'Prince of Wales Museum' mit einem großartigen Gebäude. das sich
vom Vorgarten aus am besten bewundern lässt.
An Bibliotheken, Museen, Synagogen, der 'St. Thomas-Kathedrale' und der
Universität von Mumbai vorbei erreichen wir nach dreieinhalb Stunden die andere Seite der Halbinsel. Schon von weitem
ist ein zwei Kilometer langer Strand zu erkennen. Im ersten Moment spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht baden zu
gehen, doch was ich da sehe verschlägt mir den Atem. Von überall her werden riesige Abwasserrohre mit einer schwarzen,
stinkenden und in den Augen beißenden Flüssigkeit ins Meer geleitet. Noch keine 100 Metern entfernt sehen wir Fischer,
die mit Netzen versuchen, in dieser Brühe Fische zu fangen. Der Sandstrand ist übersät von Papier und Plastikmüll,
zwischen drin zerlumpte Menschen, die nach Essbarem suchen. 'Jetzt reichts', sage ich zu Elke, und das soll die Touristikroute
sein? Dann wollen wir doch mal schauen, wie die Menschen hier wirklich leben.
Ich schmeiße den Stadtführer auf
einen Müllhaufen und biege ohne Orientierung in eine Seitengasse ein. Wir laufen direkt auf einen Bahnübergang zu, der in
8 Metern Höhe über 10 Gleise führt. In der Mitte bleibe ich stehen und beobachte die unter mir hindurch fahrenden Züge.
Sie sind so vollgestopft, dass sich ganze Menschentrauben außen an den Gittern der Fenster festhalten. Links und rechts
der Bahngleise können wir Familien beobachten, die hier ihre Wohnungen in Form von Wellblechteilen zusammengestellt
haben. Sie haben weder eine Toilette noch fließendes Wasser. Wir laufen weiter durch enge Gassen, wo es drunter und
drüber geht. Uns kommen Straßenverkäufer entgegen, die ihre alten schwer beladenen Holzkarren an uns vorbei ziehen,
Schuhputzer und verkrüppelte Bettler, die uns ständig ansprechen, Wasserverkäufer, die versuchen zwischen Kühen und Hunden,
hupenden Mopeds und Autos unbeschadet durch zu kommen. Ich schlage Elke vor, eine Rast einzulegen und irgendwo
einzukehren, um eine Kleinigkeit zu trinken oder zu essen. Die erste von weitem gut aussehende Chai-Kneipe hat außen ein
großes Schild angebracht: 'Spucken verboten', woran sich fast jeder hält. Das können wir daran erkennen, dass alle paar
Minuten jemand neben der Treppe direkt an die Hauswand spuckt. Ohne Worte verzichten wir auf unseren Chai. Am späten
Nachmittag kommen wir völlig fertig und entnervt von unserem Stadtrundgang zurück.
Bei einem Kaffee versuchen Elke und
ich, das Erlebte zu verarbeiten. Nachdem wir frisch geduscht haben, laufen wir zum bunten 'Colaba Market'. Hier gibt es
neben Schmuckläden auch viele Obst- und Gemüsestände und auch einen Nachtmarkt.
Wir erfreuen uns an einem frisch
gepressten Mangosaft bevor wir in ein sehr sauberes, muslimisches Restaurant einkehren. Vorweg essen wir frisch
gebackenes Knoblauchbrot dazu mit Gemüse gefüllte Teigtaschen und Frischkäse von der Ziege. Anschließend gibt es rote gekochte Linsen mit Kartoffeln und zu guter letzt einen frischen Naturjoghurt mit einem Fruchtsalat. Auf dem Rückweg
kommen wir an einigen Kinos vorbei, in denen die heißgeliebten, indischen Bollywood-Filme gezeigt werden. Mumbay ist das
glitzernde Epizentrum von Indiens riesiger hindisprachiger Filmindustrie. Pro Jahr wirft Bollywood mehr als 900 Streifen
auf den Markt, mehr als alle anderen Städte auf der Welt. In fast jedem Restaurant, Kneipe, Haushalt und den noch so
verfallenen Hütten laufen diese völlig unrealistischen und schnulzigen Filme rund um die Uhr. Die Zeit der Nachtschwärmer
ist gekommen. Wir hören laute Musik aus Diskotheken und Nachtclubs, junge Leute tanzen ausgelassen bis tief in die
Nacht. Am nächsten Morgen werde ich schon sehr früh vor Sonnenaufgang wach.
Ich ziehe mich leise an und schleiche mich
aus dem unserem Hostel. Es ist noch alles gespenstig grau, die Straßenfegerinnen kehren mit langen Palmwedeln den ganzen
Müll auf kleine Haufen zusammen, um ihn anschließend anzustecken. Beißender Plastikgestank liegt in der Luft. Auf den
Gehsteigen liegen schlafende Familien mit ihren halb nackten Kindern, zugedeckt mit Plastikplanen.
Über ihnen riesige Plakate vom Lifestyle Indiens: telefonierende, lachende, gut aussehende Menschen, die gerade ihr neues Heim beziehen oder
in ihr neues Auto einsteigen. Ich stehe fassungslos davor und bin den Tränen nahe und frage mich: 'Was ist das für
eine Welt?' Als ich zurückkomme, teilt mir mein Freund und Chef der Heilsarmee mit, dass eine Reservierung vorliegt und
wir morgen ausziehen müssen. Elke und ich treffen die Vorbereitungen und packen alles zusammen. Um Punkt 6 Uhr soll es
losgehen. Wir wissen genau, was auf uns zukommt, doch keiner redet darüber ...
Die Straße führt über 80 Kilometer nach
Norden durch die Elendsviertel hindurch heraus aus der Stadt. Von den 17 Millionen Einwohnern leben über 55 Prozent in den Slams der
Außenbezirke Mumbais und genau da radeln wir durch.
Es ist sehr schwer, alles zu beschreiben, was jeder von uns an
diesem Morgen sieht, doch eins ist sicher: Wir werden dieses Menschenunwürdige niemals vergessen.
Elke radelt wie der Teufel. Ich habe das Gefühl, sie will nur eins: nichts wie raus aus diesem Elend und Chaos. Als ich so in brühender
Hitze dahinradle, versuche ich die letzten drei erlebten Tage zusammenzufassen. Dabei fällt mir eine nette Geschichte aus
dem Lonely Planet ein: 'Man nehme einen Teil Hollywood, sechs Teile Verkehr und ein Bündel reicher Power-Moguln. Darunter
mische man ein halbes Dutzend koloniale Überbleibsel und füge sechs gehäufte Tassen Armut hinzu ergänzt durch diverse
Bars und Restaurants - nicht zu vergessen Chaos und Ordnung zu gleichen Teilen. Dann füge man reichlich uralte Basare
hinzu. Mit einer Hand voll Hinduismus und einer Prise Islam abgeschmeckt. Anschließend Elemente aus allen Teilen Indiens
unterheben und das ganze zusammen mit einer ordentlichen Dosis Umweltverschmutzung in einen Mixer werfen, der auf
höchster Stufe läuft. Heraus kommt: Mumbai


