Die drei Tage Zwangpause in Dar tun mir auch ganz gut. Besonders genieße ich es, seit langer Zeit wieder einmal
alleine On Tour zu gehen. Auch wenn es Elke nicht gut geht und sie mehr Zeit auf der Toilette verbringt als im Bett.
Ich habe sie mit der besten Medizin versorgt und jetzt gibt es nur noch eins: Bettruhe.Früh morgens schlendere ich,
nachdem mich der Muezzin aus dem Bett gesungen hat, durch die lauten und engen Gassen. Ich versuche das Treiben und
das ganze Gewusel um mich herum in mir aufzunehmen. Der betäubende Lärm des Busbahnhofs ist fast nicht auszuhalten.
Hier stehen Tausende, die auf ihren Bus warten. Jede Gesellschaft gibt über einen Lautsprecher Ankunftszeiten und
Abfahrtzeiten bekannt. Dabei versucht einer den anderen in seiner Lautstärke zu übertönen. Ich laufe an vielen
Fruchtständen vorbei, die Mangos, Bananen, Ananas, Melonen und Granatäpfel verkaufen, einige davon machen schmackhafte
Fruchtsäfte.
Gleich nebenan werden indische Fahrräder repariert, die nicht das Geringste mit unseren Fahrrädern zu tun haben. Alle
Fahrräder werden nur in einer Größe gebaut, das heißt, jeder muss zusehen, wie er damit klarkommt, nur das Verstellen
des Sattels ist möglich.
Eine Gangschaltung sucht man vergebens, die gesamte Kraftübertragung besteht aus einem
Zahnkranz. Doch was so mancher Inder aus dieser Übersetzung herausholt ist beachtlich. Überholen wir beispielsweise
einen vor uns dahin schleichenden Radfahrer, können wir im Rückspiegel beobachten, wie aus einem müden Radler ein
Lance Armstrong wird. Er beißt sich förmlich in sein eisernes Gefährt und setzt alles daran, uns zu überholen, auch
wenn er nach 500 Metern am Straßenrand wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegt und hyperventiliert. Die Bremsbeläge, die
aus einem Stück Hartgummi geformt sind, drücken beim Bremsen von oben auf die Reifen oder von der Seite auf die
Felgen. Da die meisten ihre Gummis verschlissen oder verloren haben, bremsen sie mit ihren Sandalen oder mit ihren
Flip-Flops am Reifen oder auf dem Asphalt. Ein indisches Fahrrad kostet nagelneu umgerechnet 30 EURO, deshalb fällt es
uns sehr schwer, den wahren Wert unserer Fahrräder zu nennen, den hier jedermann wissen will.
Ich zeige dem Besitzer eines Radladens meinen mitgebrachten Fahrradpack. Er schaut sich das von den Ratten gefressene
Loch an, nickt kurz mit dem Kopf und fängt an, in seinem Chaos nach extra großen Fahrradflicken zu suchen.
In der Zwischenzeit werde ich von einem Schneider nebenan zu einem Chai eingeladen. Der Schmied sowie der Kioskverkäufer
kommen von der anderen Straßenseite gelaufen, hinzu gesellen sich noch ein paar andere Interessenten. Alle sind sie am
diskutieren, wie man am besten das Rattenloch repariert. Nach einer Stunde ist das Loch mit viel Kleber und einem LKW-
Flicken für 20 Rupien fachmännisch vulkanisiert.
Anschließend suche ich verzweifelt einen Internetzugang. In einem Hinterhof werde ich bei ein paar Computerfreaks
fündig. Während ich seit langer Zeit wieder einmal Kontakt zu meinen Angehörigen habe, laden die Jungs vor mir Pornos
herunter, was hier unter hoher Strafe steht. In einem Kiosk kaufe ich für Elke ein paar Kekse, Coca Cola und Bananen
zum Abendessen, in der Hoffnung, dass der Dünnpfiff gestoppt wird.
Nachdem sich Elke wieder besser fühlt, satteln wir unsere Räder und fahren in Richtung Ratlam. Man versichert uns,
dass die Straße zwar gerade neu gebaut werde, aber sie sei gut befahrbar. Darauf hätten wir uns besser nicht
eingelassen. Vor uns liegt eine 125 Kilometer lange Baustelle, die in keiner Weise etwas mit einer Baustelle in Europa
zu tun hat. Das Ganze sieht eher aus wie eine zertrümmerte Mondlandschaft, in der man nicht mehr weiß, wo hinten und
vorne ist. Fünf Stunden lang sind wir am Schieben,
Ziehen und Heben durch Sandpisten und Geröllhalden. Wir sind am
Schwitzen und am Fluchen und sehen verdreckt aus, wie durch den Schlamm gezogen. Was wir unseren Rädern zumuten, ist
das Äußerste. Nach 60 Kilometern ist es dann soweit: Ich fahre gerade unter einer halbwegs fertigen Brücke hindurch,
als es in meinem Hinterrad fürchterlich kracht. Eine Speiche ist an der Innenseite meines Zahnkranzes gebrochen.
Sofort blockieren die Hinterradbremsen, ein Weiterfahren ist unmöglich. Ich baue in brütender Hitze mein Hinterrad
aus, um mir das Dilemma anzuschauen. Ausgerechnet an der Innenseite des Zahnkranzes ist die Speiche gebrochen. Das
Reparieren ist nur durch Entfernen des Zahnkranzes möglich und dafür braucht man einen speziellen Abzieher, den ich
natürlich nicht dabei habe. Ich hatte ihn zuhause gelassen, weil mein guter Freund und Fahrradspezialist Gerrit der
Meinung war, so einen Abzieher findest du auf der ganzen Welt. Womit er fast recht hat, nur in Indien braucht man so
einen Abzieher nicht: keine Zahnkränze - keinen Abzieher. Ich baue die hydraulischen Hinterradbremsen aus, um mit der
gebrochenen Speiche weiterzufahren in der Hoffnung, dass nicht noch eine Zweite bricht.
Wir sind heil froh, dass wir es bis Ratlam schaffen. Sofort wird eine Unterkunft gesucht und danach ein
Fahrradgeschäft - und das erweist sich als sehr schwierig. Nach langem Suchen finde ich einen Spezialisten, der bereit
ist, mir zu helfen.
Mit Schrecken stellen wir fest, dass nicht nur eine Speiche gebrochen, sondern die gesamte Felge
verzogen ist und auch noch einen gewaltigen Höhenschlag hat. Mit viel Geduld, bringt er es tatsächlich fertig, die
gebrochene Speiche zu reparieren. Uns beiden ist aber klar, dass das reparierte Hinterrad nur auf einer gut
ausgebauten Straße hält und nicht für eine Weltreise, die wir noch vor uns haben, geeignet ist. Noch am Abend geht ein
Hilferuf an Gerrit nach Erfurt: SOS - brauchen dringend ein komplett neues Hinterrad. Kurze Zeit später kommt die
Antwort: Wird sofort erledigt, wo soll ich das neue Hinterrad hinschicken? Von einer Inderin, die in Deidesheim lebt,
hat Elke immer wieder gesagt bekommen: Wenn ihr irgendwann einmal Hilfe in Indien braucht, bitte sofort melden, jetzt
war es so weit. Am nächsten Tag haben wir eine Adresse und Anlaufstelle in Jaipur, wo Gerrit das neue Hinterrad per
DPD hinsendet. Da wir aber bis dahin noch mindestens drei bis vier Wochen unterwegs sind, kann alles in Ruhe
organisiert werden. Jetzt hoffen wir nur noch, dass das Hinterrad die nächsten 500 Kilometer durchhält ...


