Das Einchecken verläuft geschmiert mit ein paar Rupies für die Bahn-Mitarbeiter - unerwartet gut. In unserem
Schlafwagenabteil lernen wir lauter nette Inder kennen, die ebenfalls nach Amritsar wollen. Jedes Abteil hat 8
Klappbetten, 6 davon im Abteil, 2 längs auf dem Flur und damit es Nachts nicht zu stickig wird, gibt es überall
einzelne zuschaltbare Ventilatoren. Bei jedem Zwischenstopp in einer größeren Stadt kommen fliegende Händler durch
den Zug gelaufen und verkaufen vom Chai über Süßigkeiten, fritierten Teilchen, Fladenbrot und Linseneintopf alles bis
hin zum Omelett. Für die 700 Kilometer lange Bahnstrecke benötigen wir immerhin 17 Stunden. Für europäische
Verhältnisse kaum vorstellbar. Wir sind froh, dass wir die Wüste und diese unerträgliche Hitze hinter uns haben
und freuen uns auf die Stadt Amritsar mit dem goldenen Tempel.
Vom Bahnhof aus sind es nur 2 Kilometer durch chaotisch hupende Autos zur Altstadt. In einer
Seitengasse gleich neben dem Tempel bekommen wir ein ruhiges Zimmer nach hinten zum Jallianwala Bagh Park. Dieser
kleine Park erinnert an den damaligen Wahnsinn, als die Briten fast 2000 friedlich demonstrierende Inder in einem
Kugelhagel töteten. In den Maueren sind immer noch die Einschläge der Kugeln zu sehen, ebenso der Brunnen in den
Hunderte sprangen, um den Schüssen zu entgehen.
Wir sind im Bundesland Punjab angekommen, hier leben überwiegend die Sikhs. Der Sikhismus glaubt an eine auserwählte
Gruppe heiliger Krieger, wenn man sich strikt nach einem moralischen Verhaltenskodex verhält. So dürfen die Sikhs
keinen Tropfen Alkohol trinken, nicht rauchen und keine Drogen nehmen, was Rechtschaffenheit bedeutet. Sie dürfen
sich weder rasieren noch ihre Haare schneiden, außerdem sollen sie kurze Unterwäsche tragen als Symbol der
Bescheidenheit. Der Dolch oder das Schwert zeigen Macht und Würde und der Armreif aus Stahl bedeutet Furchtlosigkeit.
Die meisten Sikhs sind reich, was sie auch gerne zeigen. Am besten sieht man es an ihren goldbehangenen und etwas
korpulenten Frauen. Außerdem haben sie einen brutalen Fahrstil: wenn sie uns mit ihren großen Jeeps auf der Straße
entgegen kommen, erwarten sie, dass alles von der Straße springt.
Wir besuchen den goldenen Tempel, der von außen
weiträumig abgesperrt ist. Keine Hunde und keine Kühe sind zu sehen, das Hupen ist verboten und um den Tempel herum
ist es peinlich sauber. Jeder der in den Tempel will, muss eine Kopfbedeckung tragen. Kurz nach dem Eingang müssen
die Schuhe abgegeben werden, danach werden die Füße in fließendem Wasser gewaschen. Im heiligsten Schrein der Sikhs
sind alle Religionsarten willkommen und so ist die Stimmung durchaus feierlich und doch locker. Das Innere besteht
aus einem großen Teich, der umgeben ist von einem Marmorgang. Inmitten des Teiches steht der Goldene Tempel, der über
einen Damm zugänglich ist. Die Architektur ist eine Mischung aus hinduistischen und muslimischen Elementen, hat aber
einen sichtbar eigenen Charakter. Die goldene Kuppel, die aus 750 kg purem Gold besteht, symbolisiert eine umgedrehte
Lotusblume, was die Sikhs verpflichtet, ein reines Leben zu führen. Die Männer dürfen mit ihren Shorts am Marmorrand
die Treppe ins heilige Wasser benutzen, für die Frauen hat man nicht einsehbare Badehäuser gebaut. Das Beobachten der
bunten Menschenmassen hat etwas Magisches und Faszinierendes an sich. Am Damm, der als Brücke zum goldenen Tempel
dient, stehen Tausende in einer Schlange, die geduldig warten, um ins Heiligtum eingelassen zu werden. Vier Priester
im Inneren des Tempels rezitieren ununterbrochen mit Musikuntermalung aus dem heiligen Buch. Im gesamten Komplex ist
ihre Rezitation über Lautsprecher zu hören. Elke und ich verbringen einige Stunden in dieser harmonisch friedlichen
Atmosphäre, bevor ich den Guru-Ka-Langar aufsuche.
Der Guru-Ka-Langar ist der Speisesaal der Gemeinde, in dem alle
Besucher kostenlos speisen dürfen. Er symbolisiert die Einheit aller Menschen. Man sitzt auf dem Boden und isst
zusammen mit armen und reichen Menschen gleich welcher Religion und Nationalität. Die Versorgung von 40.000 bis 60.000
Menschen pro Tag und Nacht ist eine wahre Meisterleistung. Dazu werden ungefähr 1000 freiwillige Helfer benötigt. In
der Mega-Küche sorgen riesige Teigrührgeräte, Förderbänder und mehrere Feuerstellen dafür, dass alle satt werden.
Elke und ich kommen zu verschiedenen Tageszeiten hierher, je nach Sonnenlicht lässt sich der Tempel in
unterschiedlichem Licht fotografieren.
Am nächsten Tag fahren wir mit einem Sammeljeep zur indisch pakistanischen Grenze. Hier soll es während der Grenzschließung am Spätnachmittag ein 20-minütiges Zeremoniespektakel geben. Wir haben absolut keine Ahnung, was da so auf uns zukommen wird, umso mehr überrascht es uns, als wir fast 20 000 Menschen sehen, die wie die Verrückten auf ein Stadion zu rennen, um sich einen guten Platz zu sichern. Der Grenzübergang sieht aus wie das Fußballstadion am Betzenberg in der Pfalz, nur das hier genau durch die Mitte die Grenze mit zwei riesigen Toren verläuft. Die Ränge der indischen Seite sind brechend voll, auf der pakistanischen Seite sitzen Männer und Frauen streng getrennt voneinander. Ausländer wie wir dürfen im reservierten VIP-Bereich Platz nehmen, von wo aus wir die Action besonders gut beobachten können. Die Soldaten laufen herum wie selbstbewusste Debütanten, die mit ihrem bunten Kopfschmuck wie aufgeplusterte Kampfhähne aussehen. Frauen rennen mit riesigen indischen Fahnen auf das geschlossene Grenztor zu, schwenken kurz die Fahnen und rennen wieder unter großem Jubel zurück. Anschließend heizt ein Einpeitscher die patriotische Stimmung der Massen ein, indem er schreit "Hindustan Zindabad", "lang lebe Hindustan". Das Ganze wird sehr laut abwechselnd mit Marschmusik und indischer Discomusik untermalt. Die Ordner haben alle Mühe, die tobende und tanzende Menschenmenge unter Kontrolle zu halten, bevor die eigentliche Show beginnt. Die ganze Situation erinnert mich an ein Fußballspiel auf dem Betze, als Kaiserslautern gegen Cottbus spielte. Hier wurden die Fans der Westkurve so stark angeheizt, dass sie wilden Tieren ähnelten und beim Anblick des ersten Gegenspielers, ihn am liebsten mit Haut und Haaren gefressen hätten. Die Show beginnt mit einem bellenden, lauten und anhaltenden Kriegsschrei aus der Wachstube, den beide Seiten gleichzeitig beginnen. Gewinner ist der jenige, der den Ton mindestens eine Sekunde länger hält. Das wiederholt sich zehn mal. Danach marschiert ein Trupp Soldaten, breitschultrig mit gezwirbeltem Schnurrbart und grimmigen Gesichtern hinaus auf die Straße. Im Stechschritt marschieren die Soldaten vor dem Publikum auf und ab, bevor sie mit wütenden Augen und geballten Fäusten auf das Tor zulaufen. Die Tore fliegen auf und die Offiziere marschieren auf einander zu und geben sich einen kurzen Händedruck. Danach kommen die Wachkommandos im Stechschritt so schnell herbeigeeilt, dass man fürchtet, die Kampfhähne könnten auf die Nase fallen. Nun stehen sich pakistanische und indische Soldaten mit ihren schwarz-roten und grün-rot-goldenen Uniformen Schulter an Schulter gegenüber. Während das Hornsignal ertönt, werden langsam die Flaggen eingeholt und zusammengelegt. Das Tor schließt sich und unter lautem Jubel feiert jede Partei ihre Soldaten als Sieger. Das Ganze war jetzt zwei Stunden lang Spaß, die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus, in den letzten Jahren haben sich tausende Inder und Pakistanis gegenseitig umgebracht und das alles nur, weil sich die Regierungen nicht einig werden.
Wenn Ihr euch das ganze Spektakel mal auf YouTube ansehen wollt, hier die Links dazu:
MDR Weltweit :: Militärparade an der indisch-pakistanischen Grenze
BBC :: Michael Palin at the India-Pakistan border ceremony


