Udaipur ist die erste Stadt, wo ich sagen würde, so habe ich mir eine indische Stadt vorgestellt. Vielleicht ist auch deswegen der
James-Bond-Film "Octopussy" hier gedreht worden. Diese Stadt ist voller Fürstlichkeit und Leidenschaft mit ihren
vielen Palästen und Tempeln, die man hier an jeder Ecke findet. Man nennt Udaipur auch das Venedig des Ostens mit
seinem herrlichem See Pichola und dem Seepalast, der das Herzstück der Stadt bildet. Seit der Maharadscha Udai Singh
der Zweite die Stadt Udaipur im Jahre 1559 gründete, wird die Stadt bis heute von Maharadschas regiert. Gerne hätte
ich mit diesem Weißhaarigen und Vollbärtigen alten Herrn mal persönlich gesprochen, doch leider hatte er keine Zeit
für mich.
Direkt unterhalb des Palastes finden wir im Ray Palace ein fürstliches Zimmer. Mit seinen verschnörkelnden
Fensterbögen, die mit bunten Scheiben verglast sind, und den großzügig ausgestatten Räumen mit vielen seidenen Kissen
fühlt man sich schon ein bisschen wie ein kleiner Maharadscha.
Hinzu kommen die zwei Gärten, der eine als
Luxusrestaurant für die oberen Zehntausend eingerichtet, der andere für Gäste wie Elke und meine Wenigkeit, also für
Frühstück und Abendessen der normalen Kategorie. Den Sonnenuntergang auf der Terrasse mit Blick auf den Palast zu
genießen ist ein erhabenes Gefühl. Schon in der zweiten Nacht fängt Elke fürchterlich an zu husten und am nächsten
Morgen hat sie keine Stimme mehr. Ich kenne Elke gut und weiß, dass der geringste Zug ihr auf die Bronchien schlägt.
Wahrscheinlich war es der Ventilator. Normalerweise dauert das ganze bei Elke so zwei bis drei Tage, doch diesmal ist
es hartnäckiger und ich mache mir so langsam Sorgen, ob sie sich nicht eine Lungenentzündung eingefangen hat. Jeden
Morgen wenn die Sonne durch unsere bunten Scheiben blinzelt, hole ich unsere zwei Tassen hervor, ziehe mir schnell
eine Hose über und laufe Barfuß über die Straße zu dem Chaiverkäufer an der Ecke. Er freut sich immer, wenn er mich
sieht. Zuerst wird ein bisschen über Gott und die Welt palavert und anschließend macht er für Elke einen extra starken
Chai mit viel Ingwer, Kardamon und Masala.
Wieder einmal ziehe ich morgens alleine los, um die Altstadt mit ihren zahlreichen Basaren zu erkunden. Dabei fallen
mir die vielen schweren und bunten Turbane sowie die flatternden scharlachroten, sonnenblumengelben und safranfarbenen
Saris der hübschen Inderinnen auf.
Dies alles ist nicht nur Mode oder Trend sondern es spricht eine eigene Sprache der
rajasthanischen Gesellschaft, die sich darin wiederspiegelt. Die Farben der Turbane zeigen die Zugehörigkeit zu einer
Kaste, Religion oder einem Berufsstand. So tragen zum Beispiel die Raiputen traditionell Safran, die Farbe der
Ritterlichkeit, die Brahmanen tragen Pink, Daliten Braun und Nomaden Schwarz. Bei Festen werden in der Regel fröhliche
vielfarbene Turbane getragen, dagegen tragen die Hindus weiße, graue, schwarze oder blaue Turbane als Zeichen der
Trauer. Dies sind zugleich aber auch die Farben der Muslime . Wie der Turban gebunden ist zeigt den sozialen Stand und
die Herkunft des Trägers. Blau, Grün und Weiße Schattierungen werden vor allem von den Witwen getragen. Verheiratete
und ledige Frauen tragen Farben wie Rosa, Rot oder Gelb, worin sich aber eine gewisse Symbolik verbirgt. Eine Mischung
aus Rot und Gelb darf nur von Frauen getragen werden, die einen Erstgeborenen Sohn zur Welt gebracht haben. Alle
Frauen, die verheiratet sind, werden mit Armreifen und Ringen an den Zehen gekennzeichnet, damit sie keine Dummheiten
machen. Bei uns zu Hause hat man früher immer gesagt: "Kleider machen Leute" oder "Zeig mir, was für Schuhe du trägst,
und ich sage dir, was du machst und wer du bist".
Elke geht es nach einer Woche wieder besser. Die Medikamente und die vielen verschiedenen Chais zeigen so langsam
Wirkung.
Ich habe in der Zwischenzeit die halbe Altstadt kennen gelernt, man grüßt mich als wohnte ich hier schon seit
Jahren. Besonders gut kennt man mich im Kaffee Edelweiß.
Die leckeren Zimtrollen, die Schokoladenkugeln in
Kokosflocken gewälzt und nicht zu vergessen die Mousseschokolatorte haben es mir besonders angetan. Die Fahrradläden,
bei denen ich immer vorbei schaue, ob sie vielleicht doch einen brauchbaren Reifen für uns haben. Der Wasserverkäufer,
der sich riesig freut, weil ich immer bei ihm das Mineralwasser kaufe. Der Chaiverkäufer, der jeden Morgen schon auf
mich wartet und der Alte von nebenan, der mich immer zu einem Chai einlädt, obwohl ich noch nie etwas bei ihm gekauft
habe. Und da ist noch der Fruchtsaftladen, der mir einen Mangosaft macht, dass der Löffel drin stecken bleibt. Ja, ich
muß schon sagen, ich fühle mich hier sauwohl.
Besonders freut es mich, dass ich jetzt endlich wieder mit Elke auf Entdeckungsreise gehen kann. Wir besuchen den
herrschaftlichen Palast des Maharadschas, der es wirklich in sich hat, besichtigen die Hindutempel, wo Elke ihren
ersten Guru kennen lernt. Wir schlendern über die schillerndsten und buntesten Märkte. Abends sitzen wir auf den
verschiedensten Dachterrassen der Hotels, genießen die herrliche Aussicht und den Sonnenuntergang bei einem
eisgekühlten Bier. Am nächsten Tag lernen wir ein britisches Radlerpärchen, Brian und Diana, kennen, die von Indien
aus den Versuchen starten, über Pakistan, den Iran und die Türkei zurück nach Great Britain zu reisen - eine nicht
ganz ungefährliche Angelegenheit. Ich erzähle Brian und Diana von meiner geflickten Hinterradspeiche und dass ich
leider keinen Abzieher für meine Kassette dabei habe. Da greift Brian in seine Packtasche und holt den passenden
Abzieher heraus. Zusammen haben wir mein Hinterradproblem in einer Stunde gelöst. Jetzt habe ich zwar immer noch einen
starken Höhenschlag, aber damit kann ich bis Jaipur, wo mein neues Hinterrad auf mich wartet, leben.
Elke fühlt sich wieder fit, so dass wir in Kürze unsere Reise fortsetzen können, doch zuvor lasse ich noch eine DVD
mit all unseren Bildern brennen, um sie nach Hause zu schicken - gut verpackt in einer Zigarrilloblechdose. Ich radle
durch die halbe Stadt zum Postamt.
Nachdem ich den richtigen Schalter für die Auslandspakete gefunden habe, bedient
mich ein freundlicher älterer Herr. Er nimmt meine Blechdose in Empfang und schaut sie sich erst einmal von allen
Seiten kritisch an. Anscheinend traut er dieser Blechdose nicht. Deshalb holt er einen gewellten starken Karton
hervor, um damit meine Blechdose erneut zu verpacken. Er biegt den viel zu großen Karton um meine Blechdose und
schneidet mit einer riesigen Schere alles was übersteht ab, wodurch natürlich wieder neue Löcher entstehen. Die
wiederum versucht er mit den abgeschnittenen Schnipseln zu stopfen. Nun versucht er das Ganze mit breitem Klebeband zu
umwickeln, was ihm aber nicht so recht gelingen will. Deshalb komme ich ihm zu Hilfe, indem ich durch das Gitter
greife, um meine verpackte Blechdose zusammen zu halten. Nach einer knappen Stunde ist die DVD und die Blechdose um
das doppelte gewachsen. Endlich haben wir es geschafft, so denke ich. Lächelnd zieht er erneut ein Schublade auf und
holt ein großes weißes Leinentuch hervor. Hinter mir hat sich bereits eine Schlange von mindestens zehn wartenden
Leuten gebildet, was den netten Herrn überhaupt nicht belastetet. Nun wird es erst richtig spannend: mit einer großen
gebogenen Nähnadel fängt er an, aus dem Leinentuch einen kleinen Sack zu nähen. Dabei fädelt er für jede Seite einen
neuen Faden ein, um einen sauberen Kreuzstich zu nähen. Nachdem er drei Seiten vernäht hat steckt er meine verpackte
Blechdose hinein und näht in aller Seelenruhe den Rest zu.
Hinter mir hat sich die wartende Schlange mittlerweile
verdreifacht und mir rinnt das Wasser so langsam den Buckel hinunter. Richtige Schweißausbrüche bekomme ich, als der
nette Herr erneut die Schublade öffnet und eine Kerze hervor holt. Da er kein Feuerzeug und keine Streichhölzer hat,
bittet er einen hinter mir stehenden um Feuer.
Er steckt vor mir die Kerze an und hält darüber solange einen
Siegellack bis dieser wachsweich wird. Danach lässt er dicke Tropfen auf seinen vernähten Kreuzstich tropfen, um alles
mit einem eisernen Stempel zu versiegeln. Wie angewurzelt stehe ich da und schaue dieser Zeremonie gespannt zu.
Nachdem er den letzten Stempel in den Siegellack gedrückt hat, schiebt er mir das Päckchen unter dem Gitter hindurch
mit den Worten: "Das ist Post vom Maharadscha", wobei er lauthals lacht. Ich schreibe meine Adresse und den Absender
mit einem schwarzen Filzstift auf das Leinentuch, danach wird mein dreimal so schweres Päckchen gewogen und nachdem
ich meine dreimal so teure DVD bezahlt habe, fahre ich nach geschlagenen zwei Stunden zurück zu Elke. Als ich Elke von
dem ungewöhnlichen Postereignis erzähle und ich mich ärgere, dass ich den dreifachen Preis bezahlen musste, fängt Elke
so laut an zu lachen, dass sie einen Hustenanfall bekam. Das Einzige, was sie noch heraus bekommt: "Das ist eben die
Post vom Maharadscha".


