Punkt 8 Uhr stehen Elke und ich am Eingangstor. Auf einem Schild ist zu lesen: Eintritt für Einheimische 5 Rupies,
Ausländer 100 Rupies. Elke fängt sofort mit dem Geldeintreiber eine bahnbrechende Diskussion an, das ist
diskriminierend, rassistisch und Menschen verachtend. Mit welchem Recht er von uns das vielfache Geld verlangen darf,
nur weil wir eine andere Hautfarbe haben und aus einem anderen Land kommen. Der Ärmste hat dafür natürlich auch keine
Erklärung, er war eben nur der Kassierer. Dieses Thema ist und bleibt eine sehr heikle Angelegenheit nicht nur für
die indische Regierung, sondern weltweit sollte man sich in Zukunft sehr genau überlegen, ob man den Urlaubern und
Reisenden das Geld aus der Tasche zieht. Das Kuriose daran ist, dass bei vielen Baudenkmälern große Tafeln angebracht
sind, auf denen man ausländischen Regierungen für den Wiederaufbau dankt. Man stelle sich einmal vor, wir würden in
Europa bei einem Rockkonzert von einem Inder, Mexikaner, Israeli oder Japaner den doppelten Eintritt verlangen, ein
Aufschrei ginge um die ganze Welt. Nachdem wir uns alle wieder abgekühlt haben und alle der Meinung sind, dass wir
diesen Zustand so schnell nicht ändern können, widmen Elke und ich uns dem Fort der Superlative. Beim Rundgang wird
uns das Ausmaß der 360 Tempel, Paläste, Gärten und der 700 Kanonenbunker bewusst. Besonders erregend für Elke ist der
Festungswall, der genau so aussieht wie die chinesische Mauer und immerhin 36 Kilometer lang ist.
Nachdem Elke ihren kulturellen Hunger vorerst gestillt hat, radeln wir nach Ranakpur. Es ist Sonntag und die 45 Kilometer, durch eine Hügellandschaft wie der Pfälzerwald sind kein Pappenstiel. Immerhin drücken wir an diesem Tag unsere Räder 1000 Meter nach oben. Vor allem macht uns die unglaubliche Hitze zu schaffen und am Nachmittag haben wir dann auch unseren ersten Hitzerekord von 54,8 Grad erreicht. Noch nie sind wir über die 50 Grad Marke gekommen, umso mehr freuen wir uns über eine schattige Unterkunft in einem Palmenhain. Der erste Weg geht unter die Dusche, aus der fast nur heißes Wasser herauskommt. Es ist so, wie Elke immer sagt: Wenn es warm ist, bekommst du nur Warmes, wenn es kalt ist, findest du selten was Warmes.
Am nächsten Tag können wir richtig lang ausschlafen, denn der Jainisten-Tempel öffnet
für Ausländer erst ab 12 Uhr, was mir ganz recht ist. Von außen bin ich zunächst einmal enttäuscht. Ich sage zu Elke:
Und das soll der schönste Tempel von Rajasthan sein? Am Eingang müssen Zigaretten, Schuhe und alles aus Leder
abgegeben werden. Als der gute Mann an meinen Gürtel will, mache ich ihm energisch klar, dass mir ohne Gürtel die
Hose herunter fällt und ich dann ohne Hose den Tempel besuchen werde, was er wiederum doch nicht will und mir den
Eintritt gewährt. Wie hätte ich dem Guten auch erklären können, dass der Gürtel ein Geldgürtel ist. Das Innere des
Tempels haut mich fast um: alles ist aus schneeweißem Marmor heraus geschlagen.
Der Komplex besteht aus 29 Hallen,
die aus einem Wald aus 1444 Säulen bestehen und der Hammer ist, keine zwei davon gleichen sich. Der Haupttempel wird
Chaumukha Mandir genannt, was soviel heißt wie, Tempel der vier Gesichter. Ich habe Elke längst in dem Wirrwarr
verloren und nach einer Stunde war mein kultureller Hunger gestillt. Ich suche mir ein bisschen abseits ein
schattiges Plätzchen, neben einer Dame, wie sich herausstellt, aus Potsdam. Sie hat offensichtlich die Schnauze voll
von all den indischen Tempelanlagen: Sechstausend Euro habe ich für diese kulturelle Indienreise bezahlt, hinzu
kommen Eintrittsgelder, das Mittagessen muss ich selbst bezahlen und Trinkgelder sind auch noch fällig, erklärt sie
mir verärgert. Tag und Nacht sitzen wir im Bus, fahren von einem Tempel in den anderen. Gott sei Dank ist diese
21tägige Rundreise bald zu Ende. Ich sitze neben ihr wie ein begossener Pudel, der sich hütet, darauf eine Antwort
zu geben.
Beim Abendessen lernen wir den Deutschen Thomas aus Nürnberg kennen. Er ist eigens mit einem gemieteten Taxi aus Delhi angereist. Gemeinsam macht er mit seinem privaten Chauffeur eine Rundreise durch die Königsstädte Rajasthans, ein angenehmes Reisen, wie uns Thomas erklärt: Ich habe leider nur drei Wochen Urlaub, um ein Land in dieser Größenordnung kennen zu lernen, so ist das für mich die beste und schnellste Möglichkeit. Da Thomas am Ende seiner Reise ist, nimmt er unsere frisch gebrannte DVD mit nach Deutschland.
Wir radeln weiter auf die blaue
Königsstadt Jodhpur zu. Alles um uns herum ist braun und verbrannt, kein einziger grüner Zweig ist zu sehen. Die
Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Elke gibt mir alle 20 Minuten die aktuelle Temperatur durch. Irgendwann am
Nachmittag ist es dann soweit, der Hitzerekord vom Sonntag ist gebrochen. Das Thermometer klettert über die 55 Grad,
so langsam wird das Radfahren in dieser Hitze gefährlich. Die heiße Luft trocknet uns den Mund und die Kehle aus, das
Trinkwasser in unseren Plastikflaschen, das durch die Sonne auf über 30 Grad erhitzt wird, schmeckt fürchterlich nach
Plastik. Nach 117 Kilometern finden wir eine schmuddelige Unterkunft. Die Dusche kühlt uns nicht mehr ab und die
Nachttemperatur sinkt nur noch auf 34 Grad, ein Zustand, an den wir uns ab sofort gewöhnen müssen. Am nächsten Morgen
radeln wir in die Fast-Millionenstadt Jodhpur. Schon von weitem erkennen wir die herrliche Festung Meherangarh, die
aus einem felsigen Bergrücken heraus ragt. Jodhpur wurde früher auch die blaue unbezwingbare Stadt genannt. Sie war
einst wichtiger Zwischenstopp auf einer bedeutsamen Handelsroute. Wir fahren direkt in die Altstadt bis zum
Uhrenturm. Um ihn herum befindet sich der Marktplatz, der Dreh- und Angelpunkt ist. Hier ist die Hölle los, wir
müssen uns erst einmal orientieren, um nicht in dem Chaos unterzugehen. In der Zeit, in der sich Elke ein paar
frische Fruchtsäfte einverleibt, suche ich in der Altstadt eine Unterkunft. Im Gästehaus Discovery bleibe ich bei
Ray, auch Radsch genannt, und seiner Familie hängen. Seine Brüder betreiben im Parterre eine Schmiede, stolz zeigen
sie mir ihre Drehbank, Frässmaschine und die Ständerbohrmaschine. Damit sind sie hier die absoluten Kings, es gibt
fast nichts, was sich damit nicht reparieren lässt. Radsch ist leidenschaftlicher Koch, was ihn sehr sympathisch
macht. Für heute Abend hat er Elke und mir seine Spezialität, Hühnchen in einer würzigen Masala und Erdnüssen, dazu
(Alo Gobi ) Blumenkohl und gekochte Kartoffel in Butter geschwenkt mit frischem Kardamom, zubereitet. Nach langer
Fleischabstinenz ein absoluter Gaumenschmaus, dazu besorgt Radsch kühles Kingfisher-Bier, ein schöner tiefgründiger,
samtiger Merlot hätte besser dazu gepasst. Wir sitzen mit der Familie auf der Dachterrasse und genießen die
Abendstimmung und die tolle Aussicht auf das beeindruckende Fort, was immer noch dem Maharadscha von Jodhpur gehört.
Am nächsten Morgen tauchen Elke und ich in die Straßen der Altstadt ein. In den engen Gassen kann man sich leicht
verlaufen, vor allem wenn man so neugierig wie Elke ist und immer wieder etwas Neues aufspürt. Allein auf dem
Gewürzmarkt könnte man sich einen Tag lang aufhalten, die Düfte rauben einem fast die Sinne. Nirgendwo haben wir
eine derartige Auswahl an intensiven Gewürzen gefunden.Hinzu kommen die vielen Parfümerien, die ihre ätherischen Öle
aus Blüten, Kräutern und Eukalyptus gewinnen. Diese traditionellen Duftessenzen sind weltweit begehrt. Vorbei am
Kunsthandwerkermarkt können wir Holzschnitzern bei der Arbeit zusehen, wie sie Hindu-Götterstatuen aus Mangoholz
schnitzen und sie anschließend auf alt trimmen. Nebenan werden Bronzefiguren, Töpferwaren, Steinmetzarbeiten aus
Marmor und Terrakottaware hergestellt, teilweise mit den einfachsten Gerätschaften. Lederwaren werden ausschließlich
aus den Häuten von Büffeln, Kamelen, Ziegen oder anderen Tieren hergestellt, niemals von heiligen Kühen.
In Rajasthan verzieren Kunsthandwerker Kamelhäute mit Gold und verkleiden damit wunderschöne Spiegelrahmen, Schachteln und
Flaschen. Überall werden einheimische Musikinstrumente hergestellt und verkauft. Dabei handelt es sich hauptsächlich
um die verschiedensten Trommelarten, indische Flöten, Harmoniums und Geigen. Im Schmuckbereich gibt es gerade in
Rajasthan alles, was das Herz einer Frau höher schlagen lässt. Vom schweren Folklore-Silberschmuck, bis hin zum
modernen, westlich orientierten Geschmack, ist alles in Gold, Silber, Edel- und Halbedelstein in Form von
Nasenringen, Fußkettchen, Ohr- und Zehringen, Halsketten und Armreifen zu haben. Berühmt sind Kunsthandwerke aus
Pappmache, die oft aus recyceltem Zeitungspapier gemacht werden. Im Angebot sind unter anderem Schüsseln,
Schachteln, Briefhalter, Untersetzer, Tabletts, Lampen und Weihnachtsschmuck, Sterne, Halbmonde, Kugeln sowie
farbenfrohe Marionetten. Elke und ich können uns gar nicht satt sehen und so kommt es, dass wir uns wieder einmal
total verfranzt haben.
Die Gassen werden immer enger, längst fährt kein Auto und kein hupendes Motorrad mehr an uns
vorbei. Dafür hat der Gestank extrem zugenommen und das nicht nur wegen der vielen Kuhscheiße. Die Abwässer und
Fäkalien laufen in Rinnen die schmalen Wege hinunter, ein Abwassersystem sucht man in ganz Rajasthan vergeblich. Die
Hitze macht uns so langsam zu schaffen, umso mehr freuen wir uns auf einen Fruchtsaftladen an der Ecke, der uns einen
frisch gepressten Orangensaft und einen Mangosaft zubereitet. Da stehen wir nun, in einer herrlichen blauen Altstadt,
wo das Leben pulsiert und um uns herum ist alles versifft, voller Müll, die Gerüche sind nicht einzuordnen und wir
trinken mitten drin einen gnadenlos guten Fruchtsaft. Tja, sagt Elke, das gibt es nirgendwo auf der Welt, das ist
eben Indien. Am Abend überrascht uns Radsch mit einer butterzarten Hühnchenleber, die er in einem superscharfen
Masala versenkt hat, dazu Blattspinat mit Ziegenfrischkäse und Reis mit frischem Koriander. Am nächsten Tag wollen
Elke und ich in die sagenumwobene Stadt Jaisalmer, die mitten in der Thar-Wüste liegt.


